Baustoff-Siegel: Was sie wirklich versprechen – und was nicht

Baustoff-Zertifizierungen wie natureplus, EMICODE und das IBR-Prüfsiegel helfen Bauherren dabei, schadstoffarme Materialien für Neubau und Sanierung auszuwählen – doch kein einzelnes Siegel garantiert allein eine gesunde Raumluftqualität, da Prüfungen unter Laborbedingungen stattfinden und wichtige Schadstoffe wie schwerflüchtige organische Verbindungen (SVOC) häufig nicht erfasst werden. Wer fundiert entscheiden möchte, sollte Siegel gezielt kombinieren, vollständige Prüfberichte mit Einzelstoffwerten und 28-Tage-Messwerten einfordern und Schadstoffanforderungen schriftlich im Bauvertrag festhalten.

Kernaussagen

  • Herstellereigene Siegel ohne unabhängige Drittprüfung sind kein verlässlicher Qualitätsnachweis – seriöse Zertifizierungen wie natureplus, EMICODE EC1plus oder das IBR-Prüfsiegel setzen externe Laborprüfungen und öffentlich einsehbare Kriterienkataloge voraus.
  • Der TVOC-Gesamtwert allein reicht nicht als Entscheidungsgrundlage, da er keine Auskunft über einzelne Schadstoffe gibt – entscheidend sind Einzelstoffgrenzwerte für Formaldehyd, Aldehyde und krebsverdächtige Verbindungen sowie Messwerte nach 28 Tagen statt nur nach 3 Tagen.
  • Schwerflüchtige organische Verbindungen (SVOC) wie Weichmacher und Flammschutzmittel werden in den meisten Standardprüfungen nicht erfasst, obwohl sie über Monate und Jahre kontinuierlich in die Raumluft abgegeben werden können.
  • Kein einzelnes Siegel deckt alle relevanten Risikobereiche ab: EMICODE bewertet Bauchemie auf Emissionen, natureplus berücksichtigt zusätzlich Ökobilanz und Rohstoffherkunft, das IBR-Prüfsiegel ergänzt baubiologische Kriterien wie Radioaktivität – eine gezielte Kombination bietet den besten Schutz.
  • Bauherren sollten Schadstoffanforderungen schriftlich im Leistungsverzeichnis verankern, eine vollständige Produktliste mit Siegelnachweisen vor Baubeginn einfordern und nach Fertigstellung eine unabhängige Raumluftmessung durchführen lassen.

Warum ein Aufkleber auf der Verpackung noch kein gesundes Raumklima garantiert

Wer heute Baustoffe für den Neubau oder die Sanierung auswählt, begegnet ihnen auf Schritt und Tritt: Prüfsiegel, Umweltlabels und Qualitätszeichen auf Verpackungen, in Produktdatenblättern und auf Herstellerwebseiten. Das grüne Blatt hier, der Hinweis auf „geprüfte Wohngesundheit" dort – die Botschaft ist stets dieselbe: Dieses Produkt ist unbedenklich, dieses Produkt schützt Ihre Gesundheit. Doch so verlockend diese Versprechen klingen, so wichtig ist es, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Was wurde hier eigentlich geprüft – und was nicht?

Der Markt der guten Absichten: Wie Siegel entstehen und wer sie vergibt

Allein im deutschsprachigen Raum existieren Dutzende verschiedener Labels für Bauprodukte. Manche stammen von anerkannten, unabhängigen Prüfinstituten, andere werden vom Hersteller selbst oder von branchennahen Verbänden vergeben. Der entscheidende Unterschied liegt dabei nicht im Logo, sondern in der Frage, wer die Kriterien festlegt, wer die Prüfung durchführt und ob die Ergebnisse für Außenstehende nachvollziehbar sind.

Bei herstellereigenen Siegeln – häufig erkennbar an Namen wie „Eco-Line", „NaturalGuard" oder ähnlichen Wortschöpfungen – definiert das Unternehmen selbst, was geprüft wird und welche Werte als akzeptabel gelten. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Produkte schlecht sind. Aber es fehlt die unabhängige Kontrolle, die ein wirklich aussagekräftiges Zertifikat erst glaubwürdig macht. Seriöse Labels wie natureplus, das EMICODE-System oder das IBR-Prüfsiegel des Instituts für Baubiologie Rosenheim setzen dagegen auf externe Prüfung durch unabhängige Labore und transparente Kriterienkataloge. Dennoch unterscheiden sich auch diese Programme erheblich in ihrer Tiefe: Während EMICODE sich auf das Emissionsverhalten von Verlegewerkstoffen wie Klebern oder Spachtelmassen konzentriert, bewertet natureplus als umfassendes Typ-I-Umweltzeichen auch Rohstoffherkunft, Ökobilanz und soziale Aspekte der Produktion. Das IBR-Siegel wiederum legt einen baubiologischen Schwerpunkt und bezieht neben chemischen Emissionen auch Kriterien wie Radioaktivität oder Schimmelrisiko ein.

Diese Vielfalt ist einerseits ein Zeichen dafür, dass das Thema Wohngesundheit aus verschiedenen Blickwinkeln ernst genommen wird. Andererseits ist sie für Bauherren schlicht verwirrend: Wenn jedes Siegel andere Dinge misst und andere Maßstäbe anlegt, wie soll man dann sinnvoll vergleichen? Genau hier beginnt das Problem. Die schiere Anzahl an Labels erzeugt den Eindruck von Kontrolle und Sicherheit – obwohl ein einzelnes Prüfzeichen oft nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Produkteigenschaften abbildet.

Vom Prüflabor in die Wohnung: Warum Testergebnisse nicht 1:1 übertragbar sind

Selbst wenn ein Siegel von einer unabhängigen Stelle vergeben wurde und auf soliden Prüfmethoden basiert, bleibt eine grundlegende Einschränkung bestehen: Die Messung findet im Labor statt, nicht in Ihrem zukünftigen Zuhause.

Emissionsprüfungen für Baustoffe laufen unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen ab – in speziellen Prüfkammern mit festgelegter Temperatur, definiertem Luftwechsel und genau abgemessener Materialoberfläche. Diese Standardisierung ist notwendig, um Produkte überhaupt vergleichen zu können. Doch sie bedeutet auch, dass die Ergebnisse eine Art idealisierter Momentaufnahme darstellen. Auf einer echten Baustelle sieht die Realität anders aus: Hier treffen Materialien aufeinander, die im Labor nie gemeinsam getestet wurden. Ein Kleber mit exzellentem Emissionszeugnis reagiert möglicherweise mit dem Grundierungsmittel darunter oder dem Bodenbelag darüber und erzeugt dabei Verbindungen, die in keiner Einzelprüfung auftauchen. Dazu kommen Baufeuchte, schwankende Temperaturen und eine Belüftungssituation, die selten den Laborbedingungen entspricht.

Hinzu kommt der Faktor Zeit. Viele Emissionsprüfungen messen das Ausgasungsverhalten eines Produkts nach drei oder 28 Tagen. Das ist sinnvoll als Vergleichsgröße, bildet aber nicht unbedingt ab, wie sich ein Material über Monate oder Jahre verhält. Bestimmte Stoffe – etwa schwerflüchtige Verbindungen aus Weichmachern oder Flammschutzmitteln – geben ihre Inhaltsstoffe deutlich langsamer ab und können noch lange nach dem Einzug in die Raumluft übergehen, ohne dass die Kurzzeitmessung im Labor davon etwas gezeigt hätte.

Ein Siegel ist deshalb immer als das zu verstehen, was es ist: ein Qualitätshinweis auf ein einzelnes Produkt unter definierten Testbedingungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Es ist kein Versprechen für die Raumluftqualität in Ihrem fertigen Haus. Wer das versteht, kann Labels als das nutzen, was sie wirklich leisten – als nützliche erste Orientierung, nicht als Freifahrtschein.

NaturePlus, Emicode, IBR & EPD: Was die wichtigsten Prüfsiegel wirklich unter die Lupe nehmen

Wer beim Hausbau oder bei der Sanierung auf schadstoffarme Materialien achten möchte, stößt schnell auf eine Vielzahl von Siegeln und Labels. Doch was steckt wirklich dahinter? Die drei bekanntesten Prüfsysteme – natureplus, EMICODE und das IBR-Prüfsiegel – verfolgen ähnliche Ziele, unterscheiden sich aber erheblich darin, welche Produkte sie bewerten, welche Kriterien sie anlegen und wie transparent ihre Prüfgrundlagen sind. Hinzu kommt die Umweltproduktdeklaration (EPD), die häufig missverstanden wird. Ein genauer Blick lohnt sich.


NaturePlus: Ganzheitlicher Anspruch mit Lücken in der Nachkontrolle

Das natureplus-Siegel gilt in Fachkreisen als eines der umfassendsten Umweltzeichen für Bauprodukte in Europa. Es ist als sogenanntes Typ-I-Umweltzeichen nach ISO 14024 konzipiert – das bedeutet: Die Kriterien werden von einer unabhängigen Organisation festgelegt, nicht vom Hersteller selbst. Was natureplus von reinen Emissionslabels unterscheidet, ist der Blick über die Raumluft hinaus: Bewertet werden die Rohstoffherkunft, der Energieeinsatz bei der Herstellung, die Kreislauffähigkeit des Materials am Ende seiner Nutzungsdauer und soziale Mindeststandards in der Lieferkette.

Für Bauherren, die nicht nur gesund wohnen, sondern auch ökologisch bauen möchten, ist das ein echter Mehrwert. Dämmstoffe aus Holzfaser oder Zellulose, Kalkputze, Lehmfarben oder Holzwerkstoffe mit natureplus-Siegel erfüllen in der Regel strenge Emissionsgrenzwerte für flüchtige organische Verbindungen und Formaldehyd – und sind gleichzeitig auf ihre Umweltwirkung über den gesamten Lebenszyklus hin geprüft.

Die Stärke des Systems liegt also in seiner Breite. Genau darin liegt aber auch eine strukturelle Herausforderung: Weil natureplus so viele Produktgruppen mit jeweils eigenen Kriterienblättern abdeckt, ist für Bauherren nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, welche konkreten Grenzwerte für das jeweilige Produkt gelten. Wer sichergehen möchte, sollte das produktspezifische Kriterienblatt einsehen – und im Zweifel nachfragen, ob das Zertifikat noch gültig und für den geplanten Einsatzbereich zutreffend ist. Denn wie bei anderen Siegeln auch gilt: Ein Logo auf der Verpackung ist nur so viel wert wie die Kontrolle, die dahintersteckt.


Emicode EC1plus: Wenn „strenger" nicht automatisch „streng genug" bedeutet

EMICODE wurde vom Industrieverband für Bauchemie, der GEV, entwickelt und richtet sich gezielt an eine Produktgruppe, die im Wohnungsbau oft unterschätzt wird: Kleber, Spachtelmassen, Dichtstoffe, Grundierungen und ähnliche Verlegewerkstoffe. Diese Materialien werden großflächig eingesetzt, kommen direkt mit der Raumluft in Kontakt und können – je nach Zusammensetzung – über Wochen hinweg messbare Mengen flüchtiger Verbindungen abgeben.

Das EMICODE-System unterteilt Produkte in drei Klassen. EC2 kennzeichnet emissionsarme Produkte und gilt als Mindeststandard. EC1 steht für sehr emissionsarme Produkte und hat sich in der Praxis als üblicher Qualitätsmaßstab etabliert. EC1plus schließlich markiert die Premiumklasse und setzt die niedrigsten erreichbaren Emissionswerte an, die mit heutiger Technologie realisierbar sind.

Die Grenzwerte beziehen sich auf Messungen in standardisierten Prüfkammern. Für die Gesamtmenge flüchtiger organischer Verbindungen gilt bei EC1 nach drei Tagen ein Grenzwert von maximal 1.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, bei EC1plus liegt dieser Wert bei maximal 750 Mikrogramm. Formaldehyd darf in allen drei Klassen 50 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten. Zusätzlich schreibt das System vor, dass krebserzeugende, erbgutverändernde oder fortpflanzungsgefährdende Stoffe der höchsten Gefährdungsklassen grundsätzlich nicht verwendet werden dürfen.

Soweit die Stärken. Die entscheidende Einschränkung liegt im Prüfzeitpunkt: Drei Tage sind für eine Beurteilung der langfristigen Innenraumbelastung ein sehr kurzer Zeitraum. Emissionen, die sich über Wochen oder Monate in der Raumluft aufbauen, werden durch Kurzzeitmessungen nur begrenzt abgebildet. Seriöse Bewertungssysteme – etwa das AgBB-Schema des Umweltbundesamts oder die Anforderungen des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen – legen deshalb besonderen Wert auf Messwerte nach 28 Tagen. Wer EMICODE-zertifizierte Produkte einsetzt, sollte daher ergänzend prüfen, ob auch Langzeitwerte vorliegen – und ob diese mit gesundheitlich abgeleiteten Richtwerten vereinbar sind.

Ein weiterer Aspekt verdient Aufmerksamkeit: EMICODE ist ein System, das von der Industrie selbst ins Leben gerufen wurde. Das bedeutet nicht, dass die Kriterien unzureichend sind – tatsächlich sind EC1 und EC1plus in der Branche anerkannte Qualitätsmaßstäbe. Es bedeutet aber, dass Bauherren gut daran tun, nicht allein auf das Logo zu vertrauen, sondern bei Bedarf die zugrundeliegenden Prüfberichte anzufordern.


Das IBR-Prüfsiegel: Baubiologisch geprüft – mit eigenem Grenzwertverständnis

Das IBR-Prüfsiegel wird vom Institut für Baubiologie Rosenheim vergeben und verfolgt einen etwas anderen Ansatz als die beiden zuvor beschriebenen Systeme. Im Mittelpunkt steht nicht nur die chemische Emissionsbelastung, sondern ein breiteres baubiologisches Verständnis von Wohngesundheit. Neben flüchtigen organischen Verbindungen und Formaldehyd werden unter anderem Schwermetalle, Weichmacher, Biozide und – das ist ein Alleinstellungsmerkmal – die natürliche Radioaktivität des Materials geprüft.

Für den Radioaktivitätsindex (ACI) setzt das IBR einen eigenen Richtwert von maximal 0,75 an, der strenger ist als der in der EU-Grundnormenrichtlinie genannte Richtwert von 1,0. Das ist für die meisten Bauherren ein eher abstraktes Kriterium – für Produkte wie Betonzusätze, Ziegel oder bestimmte mineralische Dämmstoffe kann es jedoch praktische Relevanz haben.

Das IBR-Siegel ist besonders für jene Bauherren interessant, die über den Standard hinausgehen möchten: Familien mit kleinen Kindern, Allergiker oder Menschen mit erhöhter Chemikaliensensibilität profitieren von der baubiologisch orientierten Prüfmethodik, die sich bewusst an naturwissenschaftlichen Laborstandards orientiert und für Verbraucher nachvollziehbar gestaltet sein soll. Einschränkend ist anzumerken, dass das IBR im Vergleich zu natureplus oder dem eco-INSTITUT-Label weniger öffentliche Sichtbarkeit genießt und die Prüfberichte für Außenstehende nicht immer vollständig einsehbar sind. Wer das Siegel auf einem Produkt findet, sollte ruhig nachfragen, welche konkreten Parameter geprüft wurden und ob die Ergebnisse dokumentiert vorliegen.


EPD richtig lesen: Umweltbilanz ist nicht gleich Wohngesundheit

Die Umweltproduktdeklaration, kurz EPD, nimmt unter den hier vorgestellten Instrumenten eine Sonderstellung ein – denn sie ist kein Gesundheitssiegel, sondern ein Transparenzwerkzeug. Eine EPD dokumentiert nach einheitlicher Norm, wie viel Energie bei der Herstellung eines Bauprodukts verbraucht wurde, welche Treibhausgasemissionen entstanden sind, wie das Produkt am Ende seiner Lebensdauer entsorgt oder recycelt werden kann und welche weiteren Umweltwirkungen – etwa auf Gewässer oder Böden – entlang des Lebenszyklus auftreten.

Was eine EPD nicht aussagt: ob ein Produkt schadstoffarm ist, ob es gesundheitlich unbedenklich in Innenräumen eingesetzt werden kann oder ob seine Emissionswerte unterhalb relevanter Grenzwerte liegen. Ein Bodenkleber kann eine EPD haben und trotzdem hohe VOC-Emissionen aufweisen. Ein Dämmstoff kann nach EPD eine hervorragende Ökobilanz besitzen und dennoch Inhaltsstoffe enthalten, die für Allergiker problematisch sind.

Für Bauherren ist es deshalb wichtig, EPDs als das zu verstehen, was sie sind: eine wertvolle Grundlage für den Vergleich der Klimawirkung und Ressourceneffizienz von Baumaterialien – insbesondere wenn Gebäudezertifizierungen wie DGNB oder das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen angestrebt werden. Als Nachweis für Wohngesundheit taugen sie jedoch nicht. Wer ein Produkt mit EPD kauft und glaubt, damit auch die Innenraumluftqualität gesichert zu haben, unterliegt einem Missverständnis, das leider durch manche Marketingkommunikation aktiv gefördert wird.


Was die Systeme verbindet – und was sie trennt

Betrachtet man natureplus, EMICODE und IBR nebeneinander, werden sowohl Gemeinsamkeiten als auch strukturelle Unterschiede deutlich. Alle drei Systeme messen Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen und Formaldehyd in standardisierten Prüfverfahren und legen Grenzwerte fest, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Alle drei gehen davon aus, dass bestimmte Stoffgruppen – krebsverdächtige Verbindungen, bestimmte Weichmacher, Schwermetalle – in Bauprodukten für den Innenraum nichts zu suchen haben.

Die Unterschiede liegen im Fokus und in der Tiefe. EMICODE ist auf Bauchemie spezialisiert und bietet dort ein klar strukturiertes, gut verständliches Klassifizierungssystem. natureplus denkt weiter und bezieht Rohstoffqualität, Ökobilanz und soziale Kriterien ein – das macht das Siegel komplexer, aber auch aussagekräftiger für alle, die nachhaltig und gesund bauen wollen. Das IBR-Siegel ergänzt beide Systeme um baubiologische Bewertungsdimensionen, die in den anderen Systemen keine oder nur geringe Rolle spielen.

Für Bauherren bedeutet das in der Praxis: Es gibt kein einzelnes Siegel, das alle relevanten Fragen beantwortet. Wer großflächige Klebstoffe und Spachtelmassen einsetzt, sollte auf EMICODE EC1 oder EC1plus achten. Wer Dämmstoffe, Putze oder Farben auswählt, ist mit natureplus oder dem IBR-Siegel gut beraten. Und wer die Klimawirkung seiner Baumaterialien vergleichen möchte, zieht die EPD heran – ohne sie mit einem Gesundheitsnachweis zu verwechseln.

VOC, Formaldehyd, SVOC: Welche Schadstoffe in Prüfberichten wirklich zählen – und welche systematisch fehlen

Wer sich beim Hausbau oder bei der Sanierung für zertifizierte Baustoffe entscheidet, stößt schnell auf Begriffe wie TVOC, Formaldehyd oder Emissionsklassen. Doch was verbergen sich hinter diesen Kennzahlen, und was sagen sie tatsächlich über die Luft aus, die Sie und Ihre Familie täglich einatmen? Ein genauerer Blick lohnt sich – denn zwischen dem, was Prüfberichte messen, und dem, was gesundheitlich wirklich relevant ist, klafft manchmal eine erhebliche Lücke.


TVOC als Kennzahl: nützlich, aber leicht zu manipulieren

Der TVOC-Wert – also die Gesamtmenge aller flüchtigen organischen Verbindungen in der Raumluft – ist die am häufigsten genannte Kennzahl in Emissionsprüfberichten. Flüchtige organische Verbindungen sind Stoffe, die bei Raumtemperatur leicht aus Baustoffen, Klebern, Farben oder Lacken in die Luft übergehen und dort Reizungen, Kopfschmerzen oder bei dauerhafter Belastung auch ernstere gesundheitliche Folgen verursachen können.

Das Problem: Der TVOC-Wert ist eine reine Summenkenngröße. Er sagt Ihnen, wie viel insgesamt in der Luft ist – aber nicht, was genau. Es macht jedoch einen erheblichen Unterschied, ob sich hinter einem TVOC-Wert von 800 µg/m³ vor allem harmlosere Alkohole verbergen oder ob krebsverdächtige Aldehyde und reaktive Verbindungen einen wesentlichen Anteil ausmachen. Ein Produkt kann mit einem vergleichsweise niedrigen Gesamtwert werben und dennoch einzelne problematische Stoffe in bedenklichen Konzentrationen abgeben – solange diese in der Zusammenfassung des Prüfberichts nicht separat ausgewiesen werden.

Seriöse Bewertungsschemata – etwa das in Deutschland maßgebliche AgBB-Schema, das vom Umweltbundesamt entwickelt wurde – gehen deshalb deutlich weiter. Sie fordern nicht nur einen Gesamtwert, sondern zusätzlich Einzelgrenzwerte für besonders kritische Stoffe: Formaldehyd, Acetaldehyd, Toluol und andere Verbindungen mit eigenen gesundheitlichen Wirkungsprofilen. Krebserzeugende Stoffe der höchsten Gefährdungskategorien dürfen nach diesen Kriterien zusammengenommen nicht mehr als 1 µg/m³ erreichen – eine Größenordnung, die praktisch bedeutet: Diese Stoffe dürfen in einem geprüften Produkt schlicht nicht nachweisbar vorhanden sein.

Für Sie als Bauherr bedeutet das: Ein TVOC-Wert allein reicht nicht als Entscheidungsgrundlage. Fragen Sie gezielt nach Prüfberichten, die Einzelstoffe ausweisen und explizite Grenzwerte für Kanzerogene und Aldehyde nennen.


Formaldehyd im Fokus: Grenzwerte zwischen Wissenschaft und Lobbyinteressen

Formaldehyd ist seit Jahrzehnten der bekannteste Problemstoff im Innenraum. Er entsteht als Reaktionsprodukt in Holzwerkstoffen, Klebstoffen und Kunstharzlacken und ist von der Weltgesundheitsorganisation als krebserzeugend eingestuft. Entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommt er in Prüfverfahren – und entsprechend kontrovers wird diskutiert, welche Grenzwerte wirklich ausreichen.

Die Unterschiede sind beträchtlich. Das EMICODE-System, das vor allem für Kleber und bauchemische Produkte gilt, setzt für alle seine Klassen eine Obergrenze von 50 µg/m³ als Kammerwert. Viele europäische Regelwerke bewegen sich im Bereich zwischen 50 und 100 µg/m³, gemessen nach 28 Tagen in der Prüfkammer. Die WHO empfiehlt für die Innenraumluft einen Richtwert von 100 µg/m³ als 30-Minuten-Mittelwert – ein Wert, der aus Vorsorgesicht von einigen Fachleuten bereits als zu großzügig kritisiert wird, weil er ursprünglich für kurzfristige Spitzenbelastungen und nicht für dauerhafte Wohnraumexposition hergeleitet wurde.

Hinter diesen Unterschieden steckt nicht nur reine Wissenschaft. Grenzwerte für Formaldehyd sind seit Jahren Gegenstand intensiver Lobbyarbeit der Holzwerkstoff- und Chemieindustrie, die auf die technische Machbarkeit und wirtschaftliche Verhältnismäßigkeit verweist. Labels wie natureplus oder die strengeren Varianten des AgBB-Schemas orientieren sich bewusst am Vorsorgeprinzip und setzen die Messlatte tiefer – auch weil empfindliche Gruppen wie Kleinkinder, Allergiker oder Menschen mit Vorerkrankungen bereits bei niedrigeren Konzentrationen reagieren können.

Praktisch relevant ist für Sie als Bauherr vor allem der Prüfzeitpunkt. Werte, die nach nur drei Tagen gemessen werden, spiegeln eine Phase wider, in der viele Baustoffe noch besonders stark emittieren. Entscheidend für die tatsächliche Wohnraumbelastung sind die Werte nach 28 Tagen – denn dann hat sich die Emissionskurve bei den meisten Produkten deutlich abgeflacht und gibt ein realistischeres Bild der Langzeitbelastung. Prüfberichte, die ausschließlich frühe Messzeitpunkte ausweisen, sind mit Vorsicht zu genießen.


Die unsichtbare Gefahr: SVOC und warum sie kaum jemand misst

Während VOC und Formaldehyd in der öffentlichen Debatte zumindest präsent sind, fristen sogenannte schwerflüchtige organische Verbindungen – kurz SVOC – ein weitgehendes Schattendasein. Dabei sind sie alles andere als bedeutungslos.

SVOC sind organische Verbindungen mit höherem Siedepunkt, die langsamer und über einen deutlich längeren Zeitraum aus Baustoffen ausdünsten als klassische VOC. Typische Vertreter sind bestimmte Weichmacher, Flammschutzmittel und deren Abbauprodukte. Der entscheidende Unterschied: Während ein stark emittierendes VOC-Produkt nach einigen Wochen intensiven Lüftens seinen Großteil der Emissionen abgegeben hat, können SVOC über Monate und Jahre kontinuierlich in die Raumluft abgegeben werden – oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, aber nicht unterhalb gesundheitlicher Wirkungsgrenzen.

Das Problem liegt im Prüfverfahren selbst. Standardisierte VOC-Analysen erfassen organische Verbindungen in einem definierten Siedepunktbereich – vereinfacht gesagt: die leichter flüchtigen Anteile. SVOC fallen aus diesem Messfenster heraus und werden in vielen Prüfprotokollen schlicht nicht erfasst. Selbst Siegel, die bei VOC und Formaldehyd strenge Maßstäbe anlegen, haben nicht zwingend SVOC-Grenzwerte in ihren Kriterienkatalogen verankert.

Fortschrittlichere Bewertungsschemata – darunter die Kriterien, an denen sich natureplus orientiert – setzen auch für den SVOC-Bereich Obergrenzen, typischerweise bei 100 µg/m³ als Gesamtsumme. Das ist ein wichtiger Schritt, der jedoch noch nicht zum Standard in der Branche gehört. Für Bauherren mit besonders hohen Anforderungen an die Innenraumluft – etwa bei Kinderzimmern oder wenn Familienmitglieder mit Chemikaliensensibilität oder Atemwegserkrankdungen betroffen sind – lohnt es sich, gezielt nach Prüfberichten zu fragen, die auch diesen Stoffbereich abdecken.


Wie lange emittieren Baustoffe wirklich – und was das für Ihr Lüftungskonzept bedeutet

Ein weit verbreitetes Missverständnis lautet: „Das lüftet sich raus." Richtig ist, dass die Emissionen der meisten Baustoffe in den ersten Tagen und Wochen nach dem Einbau am höchsten sind und dann deutlich abfallen. Falsch ist die Vorstellung, dass nach einigen Wochen Stoßlüften alles erledigt ist.

Tatsächlich hängt die Emissionsdauer stark vom jeweiligen Stoff und Produkt ab. Leicht flüchtige Lösemittel können tatsächlich binnen weniger Tage bis Wochen weitgehend ausgasen – vorausgesetzt, es wird konsequent und ausreichend gelüftet. Formaldehyd aus Holzwerkstoffen hingegen wird über einen deutlich längeren Zeitraum freigesetzt, weil er kontinuierlich aus den Harzverbindungen nachgebildet wird. Und SVOC, wie bereits beschrieben, können über Jahre hinweg relevante Konzentrationen erreichen.

Für die Praxis bedeutet das: Ein durchdachtes Lüftungskonzept ist kein Ersatz für emissionsarme Baustoffe, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Insbesondere in der Bauphase und in den ersten Wochen nach dem Einzug sollte intensiv gelüftet werden – bei Neubauten mit mechanischer Lüftungsanlage ist auf ausreichende Luftwechselraten zu achten. Gleichzeitig gilt: Je emissionsärmer die eingesetzten Materialien von Anfang an sind, desto weniger ist das Lüftungsverhalten entscheidend für die Qualität der Innenraumluft. Wer auf Baustoffe mit nachgewiesenen 28-Tage-Werten nach AgBB-Schema setzt und dabei auch SVOC im Blick behält, legt die beste Grundlage für dauerhaft gesunde Raumluft – unabhängig davon, ob die Fenster im Alltag regelmäßig geöffnet werden oder nicht.

Greenwashing auf der Baustelle: Wie Hersteller Prüfberichte gezielt einsetzen, um mehr zu versprechen als sie halten

Wer beim Hausbau oder der Sanierung auf schadstoffarme Materialien achtet, verlässt sich zwangsläufig auf Siegel und Prüfdokumente – schließlich kann niemand Formaldehyd oder flüchtige organische Verbindungen mit bloßem Auge erkennen. Genau diese Abhängigkeit nutzen manche Hersteller, um Produkte gesünder oder ökologischer erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich sind. Das geschieht selten durch offensichtliche Falschangaben, sondern durch geschickte Auswahl, Weglassen und Formulierung. Wer die Mechanismen kennt, ist deutlich besser geschützt.

Das Kleingedruckte der Zertifikate: Gültigkeitsdauer und Prüfumfang kritisch lesen

Ein häufig übersehener Punkt ist die Frage, für welches Produkt ein Siegel eigentlich gilt – und seit wann. Viele Hersteller zertifizieren gezielt ihr Vorzeigeprodukt oder eine einzige Variante einer Produktlinie, während die übrigen Produkte derselben Serie ohne Prüfnachweis bleiben. Im Marketing wird dann das Siegel für die gesamte Linie kommuniziert, manchmal sogar für das gesamte Sortiment. Als Bauherr sollten Sie daher immer konkret nachfragen: Gilt das Siegel für genau das Produkt, das bei Ihnen eingebaut wird – mit der aktuellen Rezeptur, in der aktuell erhältlichen Ausführung?

Ähnlich kritisch ist die Frage nach der Aktualität. Prüfberichte haben eine begrenzte Aussagekraft, wenn sich Rezepturen, Rohstofflieferanten oder Produktionsbedingungen seit der letzten Prüfung geändert haben. Seriöse Zertifizierungsprogramme schreiben regelmäßige Überwachungsprüfungen und Rezertifizierungszyklen vor – bei natureplus etwa in festen Intervallen mit Vor-Ort-Audits und Nachprüfungen. Weniger transparente Systeme begnügen sich hingegen mit einer Erstprüfung, die dann über Jahre als Nachweis herhalten muss, obwohl das Produkt längst verändert wurde. Ein Prüfbericht ohne erkennbares Datum oder ohne Angabe der geprüften Charge ist daher mit Vorsicht zu genießen.

Auch der Prüfumfang selbst ist entscheidend. Manche Berichte messen nur eine Handvoll Einzelstoffe und schweigen über den Rest. Andere erfassen zwar die Gesamtbelastung durch flüchtige organische Verbindungen, lassen aber schwerflüchtige Substanzen wie bestimmte Weichmacher oder Flammschutzmittel außen vor. Wer nur das Logo sieht, erfährt davon nichts.

Wenn der Prüfbericht nicht zur Realität passt: bekannte Streitfälle und ihre Lehren

Ein grundsätzliches Problem aller Emissionsprüfungen ist die Lücke zwischen Laborbedingungen und realem Einbau. Prüfkammermessungen erfolgen unter definierten Standardbedingungen: kontrollierte Temperatur, festgelegter Luftwechsel, genormte Substratflächen. In der Praxis weichen diese Parameter erheblich ab. Ein Parkettkleber, der im Prüfstand bei 23 Grad Celsius und definiertem Luftwechsel hervorragende Werte zeigt, kann auf einem beheizten Estrich bei höheren Temperaturen und schlechter Belüftung deutlich mehr ausgasen. Hinzu kommt, dass Prüfungen meist für ein einzelnes Produkt erfolgen – im realen Innenraum wirken jedoch Kleber, Spachtelmasse, Grundierung, Bodenbelag und Wandfarbe zusammen. Ihre Emissionen addieren sich, und mögliche Wechselwirkungen sind in Einzelprüfungen schlicht nicht erfasst.

Genau hier setzen die dokumentierten Streitfälle an, die in der Fachwelt immer wieder diskutiert werden. In mehreren Fällen haben Nachprüfungen oder Raumluftmessungen nach Fertigstellung deutlich höhere Belastungen ergeben als die Einzelprüfberichte der verbauten Materialien erwarten ließen. Die Ursachen waren vielfältig: Verarbeitungsfehler, ungeprüfte Hilfsstoffe auf der Baustelle, Wechselwirkungen zwischen Produkten unterschiedlicher Hersteller oder schlicht Bedingungen, die von den Prüfkammerannahmen abwichen. Die Lehre daraus ist eindeutig: Ein Prüfbericht für ein einzelnes Produkt ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für gute Raumluft. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt nach Fertigstellung – vor dem Einzug – eine unabhängige Raumluftmessung durchführen.

Sprachliche Fallen: Marketingaussagen, die kein Siegel brauchen – und trotzdem wirken

Besonders wirkungsvoll ist Greenwashing dort, wo gar kein Siegel im Spiel ist. Begriffe wie „wohngesund", „emissionsarm", „ökologisch unbedenklich" oder „geprüft auf Schadstoffe" sind rechtlich nicht scharf definiert und können ohne jede externe Prüfung auf Verpackungen und in Produktdatenblättern erscheinen. Sie klingen nach Qualitätsnachweis, sind es aber nicht. Entscheidend ist immer die Frage: Geprüft von wem, nach welcher Norm, mit welchem Ergebnis?

Ähnlich verhält es sich mit Formulierungen wie „ohne Lösemittel" oder „frei von Formaldehyd". Lösemittelfrei bedeutet nicht automatisch emissionsfrei – auch wässrige Systeme können erhebliche Mengen flüchtiger organischer Verbindungen enthalten. Und „frei von Formaldehyd" sagt nichts darüber aus, ob das Produkt andere Aldehyde oder krebsverdächtige Stoffe enthält. Wer solche Aussagen liest, sollte konkrete Zahlen einfordern: Welcher Gesamtwert für flüchtige organische Verbindungen wurde gemessen, zu welchem Zeitpunkt nach der Prüfkammerbestückung, nach welcher Norm?

Ein weiteres Muster ist die gezielte Nutzung von Teilzertifizierungen. Ein Hersteller, der seinen Klebstoff mit einem anerkannten Emissionssiegel versieht, den dazugehörigen Bodenbelag aber ohne jede externe Prüfung vertreibt, kommuniziert im Zweifel das Siegel für das Gesamtsystem. Für Sie als Bauherr bedeutet das: Fragen Sie bei jedem einzelnen Produkt nach – Kleber, Spachtel, Grundierung, Belag, Farbe. Nur wenn alle Komponenten eines Systems geprüft und zertifiziert sind, können Sie mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass das Gesamtergebnis den Versprechen entspricht.

Verlässliche Orientierung bieten Siegel, die auf unabhängiger Drittprüfung beruhen, einen öffentlich einsehbaren Kriterienkatalog haben und regelmäßige Überwachungsprüfungen vorschreiben. Wo Hersteller hingegen nur mit Logos werben, ohne auf Anfrage einen vollständigen Prüfbericht mit konkreten Messwerten und Normreferenzen vorlegen zu können, ist Skepsis angebracht – und der Wechsel zu einem transparenteren Produkt oft die bessere Wahl.

So treffen Sie als Bauherr eine fundierte Entscheidung – ohne Chemiker zu sein

Wer sich mit Baustoffen und deren Prüfsiegeln beschäftigt, stößt schnell auf eine Fülle von Begriffen, Abkürzungen und Grenzwerten, die auf den ersten Blick einschüchternd wirken. Die gute Nachricht: Sie müssen kein Experte sein, um seriöse Siegel von reinem Marketing zu unterscheiden. Ein paar gezielte Fragen, ein grundlegendes Verständnis für Prüfberichte und eine klare vertragliche Absicherung reichen aus, um fundiert zu entscheiden.

Die richtigen Fragen stellen: Was ein seriöser Hersteller immer beantworten kann

Der einfachste Test für die Qualität eines Siegels ist die Reaktion des Herstellers oder Händlers auf konkrete Nachfragen. Wer ein wirklich geprüftes Produkt anbietet, kann Ihnen ohne Zögern Auskunft geben. Stellen Sie daher folgende Fragen:

Wer vergibt das Siegel – ein unabhängiges Institut oder der Hersteller selbst? Seriöse Programme wie natureplus, EMICODE oder das IBR-Prüfsiegel werden von unabhängigen Trägern vergeben und durch externe Prüflabore kontrolliert. Ein Siegel, das der Hersteller sich selbst ausstellt, ist kein Qualitätsnachweis.

Wo sind die Prüfkriterien und Grenzwerte veröffentlicht? Verlangen Sie konkrete Angaben: Wie hoch dürfen flüchtige organische Verbindungen in der Raumluft maximal sein, gemessen nach wie vielen Tagen? Welche Schadstoffe sind ausdrücklich verboten? Wer diese Fragen nicht beantworten kann oder nur auf ein Logo verweist, liefert keinen belastbaren Nachweis.

Wird das Produkt regelmäßig neu geprüft? Ein einmaliges Prüfzeugnis ohne Ablaufdatum sagt wenig über die aktuelle Produktqualität aus. Seriöse Zertifizierungen sind zeitlich befristet und werden bei Rezepturänderungen oder nach Ablauf erneut durchlaufen.

Liegt ein vollständiger Prüfbericht vor – oder nur eine Zusammenfassung? Viele Anbieter zeigen lediglich das Siegel-Logo. Wer wirklich transparent ist, kann zumindest auf veröffentlichte Kriterien und im Idealfall auf Prüfprotokolle verweisen.

Formulierungen wie „bio", „naturbelassen", „lösemittelfrei" oder „für gesundes Wohnen" sind ohne konkrete Messwerte und Prüfnormen wertlos. Achten Sie darauf, dass Angaben wie Emissionswerte immer mit einer Prüfnorm und einem Messzeitpunkt verknüpft sind – sonst ist ein Vergleich nicht möglich.

Prüfberichte selbst einordnen: Worauf es bei Norm, Datum und Institut ankommt

Wenn Ihnen ein Prüfbericht vorliegt, müssen Sie ihn nicht vollständig verstehen – aber vier Angaben sollten Sie gezielt prüfen:

Prüfnorm: Wurde nach einer anerkannten, standardisierten Methode gemessen? Emissionsprüfungen erfolgen in Klimakammern unter definierten Bedingungen. Fehlt die Norm, ist der Wert nicht einordbar.

Prüfdatum: Wie alt ist der Bericht? Produkte können reformuliert werden. Ein Prüfbericht, der mehrere Jahre alt ist, spiegelt möglicherweise nicht mehr das aktuelle Produkt wider.

Prüfinstitut: Handelt es sich um ein akkreditiertes, unabhängiges Labor? Die Unabhängigkeit der Prüfstelle ist entscheidend dafür, dass das Ergebnis nicht interessengeleitet ist.

Geprüfte Produktcharge: Wurde das tatsächlich im Handel erhältliche Produkt geprüft, oder eine Sondercharge? Dieser Punkt ist schwer zu kontrollieren, aber ein Hinweis auf Seriosität ist, wenn Chargenbezeichnungen im Bericht auftauchen.

Besonders wichtig ist der Messzeitpunkt: Emissionen, die nach drei Tagen gemessen werden, sagen etwas über die Anfangsbelastung aus. Werte nach 28 Tagen sind aussagekräftiger für die Dauerbelastung im bewohnten Raum. Achten Sie deshalb darauf, ob ein Prüfbericht nur Kurzzeitmessungen enthält oder auch Langzeitwerte ausweist.

Vertraglich absichern: Wie Schadstoffanforderungen in Leistungsverzeichnisse gehören

Mündliche Zusagen über „ökologische Bauweise" oder „schadstoffarme Materialien" sind im Streitfall wertlos. Wer sichergehen will, muss Anforderungen schriftlich festhalten – am besten bereits im Leistungsverzeichnis, das Grundlage für Ausschreibungen und Verträge mit Handwerkern und Bauträgern ist.

Bitten Sie Ihren Architekten oder Planer, konkrete Mindestanforderungen an Siegel und Emissionswerte in die Ausschreibungsunterlagen aufzunehmen. Das kann zum Beispiel bedeuten: Für alle Kleber, Spachtelmassen und Dichtstoffe im Innenbereich sind ausschließlich Produkte mit EMICODE EC1 oder EC1PLUS zulässig. Für Dämmstoffe, Farben und Bodenbeläge sind Produkte mit natureplus-Zertifikat oder dem IBR-Prüfsiegel zu bevorzugen. Formaldehyd-Emissionen dürfen im Prüfkammertest einen definierten Grenzwert nicht überschreiten.

Verlangen Sie außerdem eine Produktliste mit Angabe der jeweiligen Siegel, bevor der Bau beginnt – nicht erst bei der Abnahme. So haben Sie die Möglichkeit, Produkte zu hinterfragen oder auszutauschen, bevor sie verbaut sind.

Ein weiterer sinnvoller Schritt: Fragen Sie Ihren Planer nach einem Raumluftkonzept. Dabei werden nicht nur einzelne Materialien bewertet, sondern das Zusammenspiel aller Baustoffe im fertigen Gebäude. Denn auch wenn jedes Produkt für sich die Grenzwerte einhält, kann die Kombination vieler Materialien in einem schlecht belüfteten Raum zu höheren Gesamtemissionen führen, als es die Einzelprüfungen vermuten lassen.

Kein einzelnes Siegel reicht – aber die richtige Kombination schützt

Ein häufiger Irrtum: Wer ein Siegel sieht, glaubt, das Thema sei erledigt. In der Praxis deckt jedes Label einen anderen Ausschnitt ab. EMICODE bewertet vor allem bauchemische Produkte wie Kleber und Spachtelmassen auf ihre Emissionen – sagt aber nichts über Ökobilanz oder Rohstoffherkunft aus. natureplus geht deutlich weiter und berücksichtigt neben Emissionen auch Ressourceneffizienz, Kreislauffähigkeit und die Herkunft der Rohstoffe, ist aber nicht für jede Produktgruppe verfügbar. Das IBR-Prüfsiegel wiederum legt besonderen Wert auf baubiologische Kriterien und schließt bestimmte Schadstoffgruppen ausdrücklich aus.

Für einen gesundheitlich und ökologisch gut aufgestellten Neubau empfiehlt es sich daher, verschiedene Siegel gezielt zu kombinieren: EMICODE EC1 oder EC1PLUS für die Bauchemie, natureplus oder IBR für flächenbildende Baustoffe wie Dämmstoffe, Farben und Bodenbeläge. Damit decken Sie die relevantesten Risikobereiche ab, ohne in jedem Einzelfall tief in die Chemie einsteigen zu müssen.

Wohin entwickeln sich die Standards – und was bringt die Zukunft?

Die Anforderungen an Baustoffprüfungen werden strenger, nicht lockerer. Freiwillige Programme wie EMICODE EC1PLUS stoßen bereits an die Grenzen des technisch Machbaren bei der Emissionsreduzierung. Gleichzeitig rücken Stoffe stärker in den Fokus, die bislang weniger beachtet wurden: schwer flüchtige Verbindungen wie Weichmacher und Flammschutzmittel, die langsam und über lange Zeiträume ausgasen.

Auf europäischer Ebene wird die Überarbeitung der Bauprodukteverordnung die Anforderungen an Transparenz und Nachweispflichten voraussichtlich deutlich erhöhen. Digitale Gebäudepässe und standardisierte Umweltproduktdeklarationen werden es künftig einfacher machen, Materialien objektiv zu vergleichen und Nachweise gegenüber Bauherren zu erbringen. Wer heute bereits auf seriöse Siegel und nachvollziehbare Dokumentation achtet, ist für diese Entwicklung gut gerüstet – und baut ein Haus, das nicht nur heute, sondern auch in Zukunft den Anforderungen an gesundes und nachhaltiges Wohnen standhält.

Häufige Fragen zum Thema

Was bedeutet es konkret, wenn ein Bauprodukt ein Prüfsiegel trägt – bin ich damit auf der sicheren Seite?

Ein Prüfsiegel ist ein nützlicher Qualitätshinweis auf ein einzelnes Produkt unter definierten Laborbedingungen, aber kein Versprechen für gute Raumluft in Ihrem fertigen Haus. Auf einer echten Baustelle treffen viele Materialien aufeinander, die im Labor nie gemeinsam getestet wurden – mögliche Wechselwirkungen bleiben in Einzelprüfungen unberücksichtigt. Hinzu kommt, dass nicht alle Siegel gleich sind: Manche werden von unabhängigen Instituten vergeben, andere stellt der Hersteller sich selbst aus. Ein Siegel sollte daher immer als erste Orientierung dienen, nicht als Freifahrtschein.

Was ist der Unterschied zwischen natureplus, EMICODE und dem IBR-Prüfsiegel – welches brauche ich wirklich?

Die drei Siegel decken unterschiedliche Bereiche ab und ergänzen sich sinnvoll. EMICODE ist speziell für bauchemische Produkte wie Kleber, Spachtelmassen und Dichtstoffe konzipiert und bewertet deren Emissionsverhalten. natureplus geht deutlich weiter und berücksichtigt neben Emissionen auch Rohstoffherkunft, Ökobilanz und soziale Kriterien, ist aber nicht für jede Produktgruppe verfügbar. Das IBR-Prüfsiegel legt einen baubiologischen Schwerpunkt und schließt zusätzlich Kriterien wie natürliche Radioaktivität ein – besonders relevant für Familien mit kleinen Kindern oder Menschen mit Chemikaliensensibilität.

Was sagt mir ein TVOC-Wert im Prüfbericht wirklich aus – und reicht er als Entscheidungsgrundlage?

Der TVOC-Wert gibt die Gesamtmenge aller flüchtigen organischen Verbindungen an, sagt aber nichts darüber aus, welche Stoffe konkret enthalten sind. Ein niedriger Gesamtwert kann trotzdem einzelne krebsverdächtige Verbindungen in bedenklichen Konzentrationen verbergen, solange diese nicht separat ausgewiesen werden. Seriöse Bewertungsschemata wie das AgBB-Schema des Umweltbundesamts fordern deshalb zusätzlich Einzelgrenzwerte für besonders kritische Stoffe wie Formaldehyd, Acetaldehyd oder Toluol. Als Bauherr sollten Sie gezielt nach Prüfberichten fragen, die Einzelstoffe ausweisen und explizite Grenzwerte für Kanzerogene nennen.

Reicht es, wenn ich nach dem Einzug intensiv lüfte, um Schadstoffe aus neuen Baustoffen loszuwerden?

Konsequentes Lüften hilft vor allem bei leicht flüchtigen Lösemitteln, die tatsächlich binnen weniger Wochen weitgehend ausgasen können. Formaldehyd aus Holzwerkstoffen wird jedoch über einen deutlich längeren Zeitraum freigesetzt, weil er kontinuierlich aus Harzverbindungen nachgebildet wird. Schwerflüchtige Verbindungen wie bestimmte Weichmacher oder Flammschutzmittel können sogar über Jahre hinweg in die Raumluft abgegeben werden – weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, aber nicht unterhalb gesundheitlicher Wirkungsgrenzen. Ein durchdachtes Lüftungskonzept ist daher eine sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für emissionsarme Baustoffe.

Wie erkenne ich, ob ein Siegel auf einer Verpackung wirklich aussagekräftig ist oder nur Marketing?

Der einfachste Test ist die Reaktion auf konkrete Nachfragen: Ein seriöser Anbieter kann ohne Zögern benennen, wer das Siegel vergibt, welche Grenzwerte gelten und wann das Produkt zuletzt geprüft wurde. Begriffe wie ‚wohngesund‘, ‚emissionsarm‘ oder ‚geprüft auf Schadstoffe‘ sind rechtlich nicht scharf definiert und können ohne externe Prüfung auf Verpackungen erscheinen. Verlässlich sind nur Siegel, die auf unabhängiger Drittprüfung beruhen, einen öffentlich einsehbaren Kriterienkatalog haben und regelmäßige Überwachungsprüfungen vorschreiben. Wer auf Anfrage keinen vollständigen Prüfbericht mit konkreten Messwerten und Normreferenzen vorlegen kann, liefert keinen belastbaren Nachweis.

Was ist eine EPD und kann ich damit die Wohngesundheit eines Bauprodukts beurteilen?

Eine Umweltproduktdeklaration (EPD) ist kein Gesundheitssiegel, sondern ein Transparenzwerkzeug zur Bewertung der Klimawirkung und Ressourceneffizienz eines Bauprodukts. Sie dokumentiert Energieverbrauch, Treibhausgasemissionen und Recyclingfähigkeit – sagt aber nichts darüber aus, ob ein Produkt schadstoffarm ist oder gesundheitlich unbedenklich in Innenräumen eingesetzt werden kann. Ein Bodenkleber kann eine EPD haben und trotzdem hohe VOC-Emissionen aufweisen. Wer eine EPD als Nachweis für Wohngesundheit interpretiert, unterliegt einem Missverständnis, das leider durch manche Marketingkommunikation aktiv gefördert wird.

Wie kann ich als Bauherr sicherstellen, dass mein Handwerker oder Bauträger tatsächlich die vereinbarten schadstoffarmen Materialien verbaut?

Mündliche Zusagen über ‚ökologische Bauweise‘ sind im Streitfall wertlos – Anforderungen an Siegel und Emissionswerte müssen schriftlich im Leistungsverzeichnis festgehalten werden. Verlangen Sie außerdem eine vollständige Produktliste mit Angabe der jeweiligen Zertifikate, bevor der Bau beginnt, damit Sie Produkte noch vor dem Einbau hinterfragen oder austauschen können. Sinnvoll ist es zudem, für jedes einzelne Produkt – Kleber, Grundierung, Belag, Farbe – separat nach dem Prüfnachweis zu fragen, da Siegel oft nur für eine Variante einer Produktlinie gelten. Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt nach Fertigstellung und vor dem Einzug eine unabhängige Raumluftmessung durchführen.